Das Leader-Ship

„Trimm“ für die Partnerschaft

Stellen Sie sich vor, Sie wagen sich in einem kleinen Segelboot über ein riesiges Meer. Unvorstellbar? Seit Jahrtausenden wagen das Menschen immer wieder aufs Neue. Stellen Sie sich vor, Sie machen ein ganzes Unternehmen fit für die Zusammenarbeit mit Partnerunternehmen, die sich jenseits eines „großen Teiches“ befinden. 19 tunesische Geschäftsführer und Führungskräfte wollten das wissen und stellten sich der Herausforderung.

Will man sein Unternehmen „fit for Partnership“ mit internationalen Akteuren machen, kommt Ähnliches wie beim Segeln auf einen zu: Vor dem Wag­nis „Klar-Schiff “ machen und während der Reise vieles ganz anders angehen als gewohnt. Die gute Nachricht: Man kann dabei auf eine ganze Mannschaft bauen. Aber wie führt man diese Mannschaft? Welche Führung entspricht heute in mo­dernen deutschen Unternehmen dem Stand der Zeit und wieweit sollte man sei­nen Führungsstil daran anpassen?

Wer sich aufs hohe Meer begibt, muss zu­nächst einmal umlernen, oder noch bes­ser: bisher gewiss Geglaubtes hinter sich lassen. Die moderne englische Sprache hat einen Ausdruck dafür gefunden:

Unlearning

Sich über Managementmethoden zu in­formieren bedeutet zu lernen. Und die­ses Lernen muss passend für die jeweilige Herausforderung sein. Schulbücher oder Managementwälzer helfen eher wenig: Unser Lernen verändert sich im Laufe der Zeit. Wir lernen zu lernen, neue Lern­muster lösen die alten ab. Zunächst – bis in das Kleinkindalter – ist Lernen spiele­risch. Wir sind experimentierfreudig und neugierig, probieren lieber aus, als uns die Dinge erklären zu lassen. In der Schule nehmen wir dann Wissen auf, bis wir in der Pubertät beginnen, stärker zu hin­terfragen, auszuwählen, uns auch mal zu verweigern. Diese Muster unterscheiden sich nicht grundlegend bei Menschen, die in Tunesien oder in Deutschland groß geworden sind. Dann, wenn wir eine Aus­bildung oder beispielsweise ein ingenieur­wissenschaftliches Studium durchlaufen, bedeutet Lernen, komplexe Probleme zu lösen.

All diese Lernmuster helfen uns weiter. Aber sie sind nicht genug, wenn wir uns auf den Weg über den großen Teich ma­chen. Dort werden ganz andere Heraus­forderungen an uns gestellt. Auf hoher See bestimmen Wind und Wellen, was wir lernen müssen. Vieles von dem, was an Land gilt, muss sprichwörtlich über Bord. Im Management eines mittelstän­dischen Unternehmens ist das nicht an­ders. Das Unternehmen lässt sich nur auf moderne Partnerschaften einstellen, wenn das Management in der Globalen Wirt­schaft angekommen ist. Und das bedeu­tet gerade nicht, einen einseitigen Fokus auf Micro-Management oder technische Problemlösungen zu haben. All das ist wichtig. Aber es muss noch etwas Anderes hinzukommen: die Perspektive der Ent­wicklung.

Wer sich als Manager oder Geschäftsführer weiter entwickeln möchte, kann dies nicht alleine tun. Er muss das ganze Unterneh­men im Blick haben. Weiterentwicklung bedeutet Lernen in einer ganz neuen Per­spektive. Ein defizitorientiertes Problem­lösen wird durch eine chancenorientierte Entwicklungsperspektive ergänzt. Das hat weitreichende Konsequenzen, die am deutlichsten in der Mitarbeiterführung zu Tage treten. Wohlgemerkt, am deutlichs­ten, aber nicht nur dort.

Management und Leadership

Es kommt nicht von ungefähr, dass ein moder­ner Führungs­ansatz durch die Unterscheidung zwischen „Management“ und „Leader-ship“ gekennzeichnet wird und aus den angelsächsischen Sprachräumen stammt. „Management“ bedeutet in diesem Sinne das eher klassische Führungsverständ­nis: Eine Führungskraft muss in der Lage sein, klare Anweisungen zu geben, genau nachzuhalten, Leistung zu beurteilen und Feedback dazu zu geben. Problemlösung unterstützt Mitarbeiter, wo es nötig ist. „Leadership“ bedeutet hingegen, kompe­tenzorientiert zu delegieren. Das heißt, Mitarbeitern weitreichende Verantwor­tungen zu übertragen und sie durch Füh­rungs-Coaching in ihren Kompetenzen zu entwickeln. Darüber hinaus blickt „Leadership“ in die Zukunft, sieht das eigene Unternehmen verantwortungsvoll in einen Gesamtzusammenhang aus Part­nerschaften eingebettet und fußt dabei auf einer transparenten Werteorientierung.

Wie beim Lernen, löst das Eine nicht das Andere ab, sondern erweitert, ergänzt, ba­lanciert. Management UND Leadership: Das Unternehmen wird zum „Lernenden Unternehmen“.

Loslassen lernen

Einen großen Schritt auf der Reise mit dem Leader-Ship hatten die tunesischen Teil­nehmer bereits gemacht. Als Teilnehmer eines mehrwöchigen Programms mussten sie zwangsläufig delegieren, damit „der Laden auch ohne sie läuft“. Der Austausch der Teilnehmer untereinander dazu – die partnerschaftliche Entwicklung – war ein Meilenstein auf dem Weg zum Lernenden Unternehmen: Sie erfuhren voneinan­der, wie auch sehr verantwortungsvolle Aufgaben delegiert werden können. Und auch wichtiges „Unlearning“ hatte bereits stattgefunden: Durch das Loslassen von Aufgaben häuften sich die Probleme nicht an. Im Gegenteil: Die – zum Teil sehr un­terschiedlichen – Organisationen haben sich zu mehr Eigenständigkeit entwickelt. Für die Geschäftsführer und Manager eine ganz wesentliche Erfahrung, den nun haben sie die Gelegenheit, sich mehr um die zukunftsorientierten Aufgaben wie das Schmieden von Partnerschaften zu kümmern. Und da bringen die tunesi­schen Teilnehmer in der Tendenz beson­dere Fähigkeiten mit. Denn was deutsche Unternehmen definitiv von tunesischen Geschäftspartnern lernen können: All bu­siness is people business. Geschäfts-Part­nerschaft ist in erster Linie Partnerschaft, und die beginnt beim Gegenüber, beim Menschen. Und diese Einstellung ist in der Tat in besonderer Weise in der tunesi­schen Landeskultur verankert.

Manager

  • Anweisen
  • Nachhalten
  • Feedback
  • Mitarbeiter unterstützen
  • Probleme lösen
  • Planen und Budgetieren
  • Organisieren und Einsatz planen
  • Kontrollieren
  • Berichten

Führungskraft

  • Gibt Vision und blickt in die Zukunft
  • Versammelt die Mitarbeiter hinter gemeinsame Ideen
  • Inspiriert und motiviert
  • Befähigt Menschen und die Organisation
  • Schafft bzw. beeinflusst die Kultur
  • Entwickelt und coacht die Schlüsselpersonen
  • Reflektiert über das eigene Verhalten
  • Bildet Netzwerke


Dr. Peter Belker, Betriebswirt und Coach, ist seit 2015 als freier Trainer für die Akademie International, ein Geschäftsbereich der Akademie für Führungskräfte, tätig. Sein beraterischer Schwerpunkt liegt auf der Entwicklung von erfahrenen Führungskräften und Geschäftsführern, die im internationalen Umfeld arbeiten.