Lernen von den Besten

Das deutsche duale Ausbildungssystem in Theorie und Praxis: In diesem Zeichen stand der Besuch der Beruflichen Schule für Holz, Textil und Farbe (G6) und des Möbelherstellers likoo / Möbel in Form GmbH – ein besonderer Programmtag für die ukrainischen, belarussischen und kasachischen Führungskräfte, die im Herbst 2017 zur Managerfortbildung bei der Akademie International in Hamburg waren. Die duale Ausbildung interessiert nahezu alle Programmteilnehmer. Sie kennen alle den Begriff, aber nur die wenigsten verstehen, welches System dahintersteht, da es auf einem Schulsystem aufbaut, das man in diesen Ländern so nicht kennt. Um die Teilnehmer optimal darauf einzustimmen, erklärte die Akademie International bereits in der vorbereitenden Tutoring-Session die grundsätzlichen Systemunterschiede: Zum Beispiel dass nur ca. die Hälfte der deutschen Schulabgänger eine Hochschulzugangsberechtigung haben. Die andere Hälfte bildet somit die primäre Zielgruppe im dualen Ausbildungssystem für Fachkräfte in allen Branchen.

Auf diesen Input baute Solveig Schmidt vom Hamburger Institut für Berufliche Bildung HIBB auf und zeichnete ein umfassendes Bild des Systems im Allgemeinen. Von ihr erfuhren die Teilnehmer, dass die deutschen Unternehmen vor allem an Schulabgängern interessiert sind, die einen Schulabschluss ohne Hochschulzugangsberechtigung haben. Zusammen mit dem Staat versuchen sie, möglichst alle solche Schüler in das duale System zu integrieren, um die Anzahl von qualifizierten Fachkräften hoch zu halten. Eine weitere Besonderheit, die vor allem für Teilnehmer aus Osteuropa neu ist: Die Schüler bewerben sich bei den Betrieben und nicht bei den Berufsschulen – diese Zuordnung erfolgt dann automatisch aufgrund der gewählten Qualifikation.

Der Schulleiter Volker Steicker und die stellvertretende Schulleiterin Christine Kaltenschnee führten die Manager anschließend in die Besonderheiten der Arbeit der G6 ein: Sie stellten die besonders nachgefragten Berufe, vor allem Tischler für die Möbelbranche, vor. Der Markttrend geht hin zu immer individuelleren Formaten: Möbel werden individueller, es gibt häufiger Maßanfertigungen auf Kundenwünsche. Hierzu gehen Möbelbauer Kooperationen mit Architekten ein. Auch Vorteile der jeweiligen Berufe in den Bereichen Holztechnik, Farbtechnik und Textil-Bekleidungsbereich für die Auszubildenden kamen zur Sprache. Momentan sind die Aussichten im Bereich Holztechnik am besten. Die Nachfrage nach Auszubildenden im Textilbereich ist in den letzten Jahren rückläufig. Unabhängig vom Beruf hat die Berufsschule jedoch gute Kontakte zu Unternehmen und auch zu ehemaligen Schülern, die sich selbstständig gemacht haben. Die Schule hilft den Auszubildenden, nach der Ausbildung in diesen Unternehmen unterzukommen. Doch es gibt auch größere Herausforderungen: Tendenziell werden Ausbildungsberufe immer weniger attraktiv. Die meisten streben nach der Schule eine Hochschulausbildung an. Es ist also schwieriger, junge Leute zur Ausbildung zu motivieren. In Kleingruppen besichtigten die MP-Teilnehmer die Schule und führten Gespräche mit Lehrern und Schülern. So erhielten sie ein rundes Bild davon, wie die Ausbildung in der Schule je nach Qualifikation des Schülers aussieht.

Die zweite Tageshälfte war dem Besuch bei Likoo – Möbel in Form gewidmet. Dies ist eines der vielen Unternehmen, deren Auszubildende parallel zur Arbeit im Betrieb regelmäßig zur G6 zum Unterricht gehen. Gordon Koops, Eigentümer und Geschäftsführer, hat seinerzeit ebenfalls die G6 im Ausbildungsfach Tischler besucht. Am Beispiel seines Unternehmens schilderte Koops eine für deutsche KMU sehr typische Problematik: „Nach dem Ende der Ausbildung sind Absolventen mancher Berufe, z.B. Tischler, auf dem Markt so gefragt, dass sie nicht unbedingt in ihrem Ausbildungsbetrieb bleiben möchten“, sagt der Unternehmer. „Das müssen sie ja auch nicht.“ Denn nach Ablauf des Ausbildungsvertrags und der staatlichen Prüfung bei der Handwerkskammer – dem dritten offiziellen Partner des deutschen dualen Ausbildungssystems – steht es dem Arbeitgeber frei, die jungen Menschen in ihrem Betrieb zu übernehmen. Die frischgebackenen Fachkräfte dürfen ihrerseits auch andere Angebote auf dem Markt annehmen. Hier ist eine besondere Überzeugungskraft des Arbeitsgebers gefragt, um vor allem die guten Mitarbeiter langfristig für seinen Betrieb zu gewinnen.

Fazit des Tages: „Wir wussten, dass die duale Ausbildung der Schlüssel zum wirtschaftlichen Erfolg deutscher KMU ist“, sagten die MP-Teilnehmer. „Jetzt haben wir auch verstanden, warum“. In Zukunft wollen sie selbst einige Elemente des Systems in ihren Betrieben übernehmen.

Oxana Gusárova
Akademie International, Hamburg
www.akademie.international