Kollegiale Fallberatung für Managergruppe in Tunis

Ein Jahr, nachdem die tunesische Pilotgruppe des BMWi-Managerfortbildungsprogramms ein vierwöchiges Programm in Deutschland absolviert hat, fand ein Follow-up Seminar in Tunis statt. Die Leiterin Akademie International, Dr. Julia Moritz, steuerte einen Großteil des Programms bei. So übernahm sie die Evaluation der Programmergebnisse nach einem Jahr und bot einen Workshop zum Thema «Kollegiale Fallberatung» an. Die Freude über das Wiedersehen war auf beiden Seiten groß.

Ein Follow-up-Seminar ist dafür da, eine erste Bilanz der Ergebnisse zu ziehen – aber auch, um im Austausch mit den vertrauten Mitstreitern Neues für die Zukunft zu lernen. Genau diesen Erfahrungsaustausch mit anderen Geschäftsleuten haben die Teilnehmer der tunesischen Pilotgruppe in einer strukturierten Form nutzten können, indem sie die kollegiale Fallberatung, eine bei Managementtrainings in Deutschland häufig genutzte Methode, an ihren eigenen Fällen angewendet haben.

Das Prinzip ist so einfach wie effektiv: Man nehme einen Fallgeber, der für sein konkretes Anliegen oder Problem eine Lösung sucht. Während er die Expertise seiner Kollegen dazu nutzt, sein Problem aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet zu bekommen, bleibt er für die letztendliche Entscheidung selbst verantwortlich. Darin liegt auch der Unterschied zu der Expertenberatung, bei der man sich einen Fachmann holt, um seinen Rat anschließend genau zu befolgen. Der Clou bei dem Prozess: strikte Einhaltung von Zeit- und Ablaufstruktur, für die ein Moderator zuständig ist, und eine strenge Rollenteilung. Besonders das zweite fällt erfahrungsgemäß nicht leicht: Der Fallgeber erklärt zwar genau, worum es geht, muss sich dann aber zurückziehen und nur noch zuhören, welche Lösungsoptionen ihm angeboten werden. Genau darin besteht aber die Kunst: andere Perspektiven zuzulassen und sein Handlungshorizont zu erweitern. Profitieren werden davon letztlich alle Gruppenmitglieder.

Anleitung für eine kollegiale Fallberatung

Bei dem Workshop in Tunis waren 8 Teilnehmer anwesend – eine ideale Personenzahl für eine „Peer Group“. Es werden mindestens drei Teilnehmer inklusive des Fallgebers benötigt, bei mehr als 8 wird es jedoch unübersichtlich und man sollte die Gruppe aufteilen.  

Als Problemlösungsmethode bietet die Kollegiale Fallberatung Spielraum an, um sehr unterschiedliche Themen anzugehen. Die tunesischen Teilnehmer waren sich indes sehr schnell einig, an welchen konkreten Fällen ihrer „Kollegen“ sie arbeiten wollten: 70% der tunesischen KMU hätten momentan eine ähnliche Problemlage.

„Ich bin der Chef, und das bedeutet, dass ich alles selbst machen muss. Ich kann mich nicht auf meine Mitarbeiter verlassen und muss alles selbst nochmal kontrollieren, ob es auch wirklich richtig gemacht wurde. Dabei habe ich keine Zeit für Dinge, die für mein Unternehmen wirklich wichtig sind“ – beschrieb Farouk Karoui von Believe Engineering, einem IT-Unternehmen, seine Ausgangssituation. Was sich zunächst als ein Zeitmanagement-Problem anhörte, wurde im Laufe der kollegialen Beratung in verschiedene Bereiche aufgeteilt. Nach 90 Minuten standen die To-Dos, die Herr Karoui für sich mitgenommen hat, fest: Einführung des Qualitätsmanagementsystems nach DIN ISO 9001, Identifizierung der Management-Aufgaben unter Einbeziehung des gesamten Teams, klare Kriterien für das KPI und eine gute Roadmap für die strategische Entwicklung des Unternehmens.

Anschließend haben die Teilnehmer noch einige Faustregeln für die Anwendung der kollegialen Fallberatung in ihren eigenen Unternehmen mit auf den Weg bekommen:

  • Nehme immer einen konkreten Fall – es können Veränderungsprozesse, neue Herausforderungen, Probleme mit und unter den Kollegen sein, die man sowohl rückblickend analysieren als auch für die Zukunft planen kann.
  • Pass auf, dass die Kollegen nicht Teil des Problems sind und sich keine Interessenskonflikte oder Konkurrenzsituationen bei der Gruppe ergeben.
  • Vertraue auf die Expertise deiner Kollegen und wähle für dich die passendsten Lösungsansätze aus.

Kollegiale Fallberatung ist ein Nehmen und Geben auf Augenhöhe – und genau das konnten die tunesischen Teilnehmer bereits während des Programms besonders gut. Von der Intelligenz der Gruppe wieder profitieren zu können, hat sich mit dieser Methode wieder gelohnt.